Unsere Gemeinsamen Kriege (von Max Czollek) [Transkription Y.V.]
Da ist die Hosentasche, da der Strohhalm, hier das Feuerzeug in der Zigarettenschachtel aus Papier. Das ist unser Land. Unberechenbar wie Wetter im April. Das ist unser Körper, eine durchgeschüttelte Flasche Krim-Sekt, die wir huckepack durch das Morgenlicht tragen.
Die Großväter pendeln an hochgebundenen Armen, hängen in den Ästen, süß wie Birnen nach dem ersten Frost. Der Wind greift in die Äste, rüttelt Blätter. Passantenbefragung: Warum geht das Gedicht durch den Körper und verletzt ihn nicht?
Die keimfreien Steine, die grellen Streifen, die unreinen Reime über die Jahre aufgetürmt zu unserem persönlichen Mont Klamott. Das Gras, und wie es aus den Körpern wächst, als sprachloses Befremden.
Es gab eine Zeit, da genügte es, „die Augen zuzudrücken“ – schon waren wir Zuhause. Ich hörte eine Geschichte knistern, Himmel applaudieren, Regen flüstern, Pflaster fließen, als würde es schmelzen.
Kohleöfen. Tonnen aus Blech, die als Gewehrschuss gegen die Ziegelwand knallten. Jedem Hinterhof seine Schrecksekunde Todesstreifen. „Ein Ort, der solche Kanonen für uns pflanzte, muss man niederbrennen“ hast du gesagt und die Passanten schwiegen.
Ich glaube Gedichte müssen Alpträume sein, so schrecklich, dass wir davon schweißgebadet erwachen. Dass sie sind, wie die Zeiten in denen wir leben, dass das unweigerlich ist wie die verwüsteten Tränensäcke dieser Stadt. Du fragst, ob das eine Metapher ist. Ich erwidere: meine Stolpersteine sind von der GASAG[?]. Es stehen drei Buchstaben drauf.
Im Volkspark die Figur mit hochgerecktem Schwert hat sich nach der Zerstörung umgewandt. Darum schauen alle starr nach vorn. Dazwischen hocken Menschen, ranken Stadtschlösser, Apfelkuchen, warmer Asphalt, das ganze verzichtbare Fundament. Nach der Therapie fühlte ich mich wie ein sanierter Altbau an einer befahrenen Kreuzung – links die Kriegsbrache, rechts der Potsdamer Platz.
Ich wäre gern der Bademeister, der euch beibringt, um das eigene Leben zu schwimmen. Am Grunde der Havel wandern die Steine. Denke meine Gedichte als Lunte, die in eure Herzen reicht, eure Ohren als letztes Streichholz in meiner Packung. Straßenbahnen als Schifferklaviere, quietschende Einschlafmelodien in der Schlafordnung der Altbauten einer untergegangenen Stadt.